Carmignac: "Lage ist besonders besorgniserregend"
Europa ist im Begriff, den japanischen Weg gegen die Überschuldung einzuschlagen, warnt Didier Saint Georges, Stellvertretender Geschäftsführer und Sprecher des Investmentkomitees von Carmignac Gestion. „Dieser Weg ist Selbstmord, die Lage in Europa ist besonders besorgniserregend“, schreibt Saint Georges in einem aktuellen Konjunkturausblick für das 4. Quartal 2011. In den Industriestaaten, die immer weniger in der Lage sind Wirtschaftswachstum zu generieren, lösen die Angriffe der Märkte auf hoch verschuldete Länder lediglich strenge Sparmaßnahmen aus. Dies verstärke jedoch die ohnehin rezessiven Tendenzen.
Nun sei jedoch nach Ansicht von Carmignac jede Behandlung der griechischen Frage und jeglicher Kampf gegen die Ansteckung anderer Mitgliedsstaaten vergebens, wenn nicht gleichzeitig umfassende Maßnahmen zur kurzfristigen Wachstumsförderung ergriffen werden. „Ohne Wachstum ist eine Verringerung des Haushaltsdefizits und der öffentlichen Verschuldung nicht zu erreichen“, sagt Saint Georges. Dieser Weg sei fatal und erinnere stark an die Situation in Japan: „Europas Exporte reichen nicht aus, um die negativen Auswirkungen der Sparpolitik auf die Binnennachfrage auszugleichen, und die ungeduldigen ausländischen Gläubiger sind in keiner Weise geneigt, sich Zeit zu lassen.“ Zudem werde die Anfälligkeit der europäischen Banken, die aus strukturellen Gründen einer Verschlechterung ihrer Refinanzierungsbedingungen ausgesetzt sind (bei einem Kredit-Einlagen-Verhältnis von 165 Prozent, gegenüber 81 Prozent in den USA), sie dazu veranlassen, von den privaten Haushalten und den Unternehmen ebenfalls die Rückzahlung ihrer Schulden zu verlangen. „Wenn man sich bewusst macht, dass der Anteil der Bankkredite am BIP in der Eurozone 164 Prozent gegenüber 62 Prozent in den USA beträgt, wird deutlich, wie hoch das Risiko ist, das diese beschleunigte Verminderung der Hebelwirkung mit sich bringt, und dass eine Zwangsrekapitalisierung der Banken allenfalls einen Bremseffekt haben kann“, so Saint Georges.
„Nullzinspolitik zur Abschwächung des Euro“
Angesichts der Schwierigkeiten seitens der Politik, glaubwürdig und schnell Lösungen für die Krise zu finden, müsste die Zentralbank die Initiative ergreifen, und zwar schnell und gründlich. Saint Georges hierzu: „Die EZB muss eine Nullzinspolitik betreiben, sie sollte den Euro stark abwerten und die Refinanzierungskosten der geschwächten Staaten damit senken. Diese Initiative der Zentralbank ist mit Blick auf die weiteren Wachstumsprognosen für 2012 absolut notwendig. Deutschland allerdings widersetzt sich diesen Maßnahmen.“
Wahlkalender hemmt US-Wirtschaftspolitik
Im Gegensatz zu Europa verfüge die USA über mehr haushaltspolitischen Spielraum, aber der politische Kontext dürfte laut Saint Georges Unterstützungsmaßnahmen kaum begünstigen. „Die amerikanische Wirtschaft hat noch nicht mit der Ungeduld ihrer Gläubiger zu kämpfen, wie die rückläufigen Renditen der Staatsanleihen im Zusammenhang mit der Herabstufung des Ratings für amerikanische Staatsanleihen durch die Agentur Standard and Poor’s zeigt“, kommentiert Saint Georges die aktuelle Lage in den USA. Darüber hinaus scheint die amerikanische Notenbank entschlossener als die EZB, um deflatorische Auswirkungen der verminderten Hebelwirkung auszugleichen. „Der Wahlkalender scheint jedoch nicht zuzulassen, dass die öffentliche Hand starke Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft ergreift. Der Konsens zur Wachstumsprognose für 2012 ist daher zwischen Januar und September von 3,3 auf 2,1 Prozent gesunken, was unseres Erachtens noch bei weitem zu optimistisch ist“, so das Fazit für die USA.
Die Schwellenländer verfügen im Gegensatz zu den westlichen Nationen über einen umfangreicheren finanziellen Spielraum, mit dem sie der Ansteckungsgefahr begegnen In Der Inflationsdruck bleibt jedoch weiterhin bestehen, was zum einen auf die mit Verzögerung eintretenden Folgen des Anstiegs der Rohstoffpreise, und zum anderen auf strukturelle Faktoren wie die – geforderte und sogar organisierte – Erhöhung der Löhne und Gehälter zurückzuführen ist. Daher betrug die Inflation in China ohne Nahrungsmittel in den letzten zwölf Monaten zwischen 1,4 und drei Prozent. „Sobald die Rohstoffpreise für Industrie und Landwirtschaft wieder sinken, geht auch der Inflationsdruck wieder zurück,“ erwartet Saint Georges, „was andere neue Industrieländer bereits vorwegzunehmen scheinen, wie die überraschenden Zinssenkungen in Brasilien, der Türkei, Russland und Israel zeigen.“ (dw)
Den vollständigen Marktkommentar und Details zur Anlagestrategie finden interessierte Leser anbei in Form einer PDF.
Anhang:
Carmignac Konjunkturausblick Q4 2011
Quelle:FONDS professionell